So weit, so gut!

Jetzt hab ich solange nichts von mir hören lassen, man könnte meinen ab dem Tage 0 wäre Schluss mit meiner Motivation euch auf dem laufenden zu halten.
Das ist so natürlich nicht ganz richtig. 😉

Es ist Viel passiert und auch Nichts.
An Tag 1 nach der Transplantation bin ich quasi aus dem Bett gesprungen und habe mich an dem Frühstück gelabt. Die Stimmung konnte nicht besser sein, man könnte hier von Euphorie sprechen.
So ging es mir auch bei der Visite. „Mir geht es sehr gut, danke der Nachfrage.“
Der Check zeigte keine Anzeichen einer Überreaktion des Immunsystems. So weit war ich für meinen Teil und ich denke auch die Ärzte zufrieden.
Mit meiner überschwänglichen Freude am Vormittag schien ich aber mein Pulver schon verschossen zu haben. Man darf nicht vergessen, was ab dem ersten Tropfen Transplantat in meinem Körper passiert.

Tausende Zellen eines Fremdem Knochenmarks waren auf der Reise durch meinen Körper und hatten nur ein Ziel. Ein neues Zuhaus. Natürlich durfte es nicht irgend eins sein. Es musste wieder ein Knochenmark sein. Was für am faszinierendsten daran ist, dass die Zellen den Weg ganz genau kennen. Sie sind quasi in einer vollkommen fremden Stadt und kennen den Weg zu dem Hotel mit den besten Betten. Dadurch, dass mein altes Immunsystem stark dezimiert wurde und der Rest durch Immunsuppressiva im Schach gehalten wird, hatten diese Fremden auch keine große Mühe Ihren vorbestimmten Weg zu gehen.

Im Knochenmark angekommen, fangen die Zellen erst einmal an sich einen schönen Platz zu suchen. Später, wenn Ihnen alles gut gefällt und sie nicht gestört werden, fangen sie dann auch an sich Häuslich einzurichten und sich quasi fortzupflanzen. Die Zellteilung beginnt und die ersten Neuen Zellen werden geboren und suchen sich selber einen schönen Platz und das Spiel geht von vorne los. Eines Tages dann werden hier völlig neue Zellen in Form von Blutbestandteilen wie Leukozyten, Erythrozyten, Hämoglobin, Hämatokrit, Thrombozyten, ect. produziert.
Dann ist es geschafft!

Der Weg dahin ist nicht ganz so einfach wie man sich denken kann.
Allein der Akt der Zellteilung und des Anwachsen der Stammzellen verbraucht derart viel Energie, dass ich diese durch normale Nahrungsaufnahme nicht decken könnte. Man bekommt also eine Menge Wichtige Stoffe schon intravenös.
Nächstes Problem das noch im Körper befindliche Kaninchen Serum. Es muss, damit das neue Immunsystem gut gedeihen kann, unterdrückt werden. Hierzu kommt ein weiteres Immunsuppressiva. Dieses mittel bekommt man an vier Tagen nach der Transplantation verabreicht. Würde man das nicht machen, wäre die Folge eine Überreaktion welche eine Krise auslösen könnte, hierbei wird dann nicht nur das Transplantat gefährdet, sondern auch vieles andere im Körper. In schlimmen fällen sogar Chronisch über Jahre hinweg.
Dieses Immunsuppressiva ist sehr gut in seiner Aufgabe. Leider hat es auch eine Nebenwirkung, die von Patient zu Patient verschieden ist. Am häufigsten bekommt man eine Entzündung der Mundschleimhaut.

Was macht der Körper wenn er Energie benötigt? Klar, er stellt alles nicht Wichtige auf Energieparmodus. Folglich hieß es wieder, schlafen, schlafen und… schlafen.
Dummerweise kam es bei mir auch zu dieser Mundschleimhautentzündung. Erst schwillt im Mund alles deutlich an. Selbst das Sprechen wird schwer und dann fängt es auch noch an zu brennen.
Ganz Toll! Wie soll man denn so schlafen, geschweige denn essen. Erst einmal nicht! Da wird man echt auf eine harte Probe gestellt.
Dann kommt natürlich auch noch ein Fieber dazu. Die Schwester betritt das Zimmer, nimmt sich das Thermometer, misst – „Herzlichen Glückwunsch Herr Elsing, sie haben Fieber.“
Ich war am Boden zerstört. Beruhigend meinte die Schwester – „Das ist kein großes Problem und es gab bis Dato nicht einen, der hier nicht mindestens einmal Fieber bekommen hätte.“

Okay! 10 Minuten später war auch schon das Mittel mit dem Fiebersenker angeschlossen und es wurde langsam wieder. Proben werden genommen und diese ins Labor geschickt. Noch zwei weitere Fieberschübe, eine gute Ladung Antibiotika und die Sache war tatsächlich ausgestanden. Nicht das wir uns hier falsch verstehen. Ein Vergnügen sieht anders aus. In Anbetracht dessen, was mir durch den Kopf ging, war es allerdings kein großes Ding.

Da war aber immer noch mein Mund, der mich von Tag zu Tag mehr traktierte.
Meine Ärztin sagte – „Wir können das auch abbrechen, aber in Anbetracht der Erfolgschancen sollten sie nicht abbrechen. Sie sollen aber auch nicht den Helden spielen. Das hilft niemandem hier. Ich kann Ihnen hier anbieten einen Morphin Tropf anzuschließen. Dieser wird das meiste für sie erträglich machen.“

MORPHIN! Innerlich sagte so ziemlich alles nein. Ich nehme ja nicht mal Kopfschmerztabletten, außer in Ausnahmefällen.
Eine schlaflose Nacht später war auch die letzte Hemmschwelle gefallen. Ich gab mein OK und der Tropf wurde angeschlossen. Einen halben Tag später hab ich mich gefragt warum ich das nicht schon eher gemacht habe. Alles wurde leichter. Auch die Kopfschmerzen die mich seit neuesten Nachts ärgerten waren verschwunden. Einen Tag später hat dann mein Rachen angefangen mir das Schlucken zu vermiesen. Nach einer sehr kleinen Justage der Morphindosis war das zwar nicht ganz weg, aber auch nicht mehr so schlimm.

Gut, zu schläfrig kam jetzt als Nebenwirkung, noch schläfriger. Aber das war jetzt auch schon egal.
Ich konnte zwar etwas Essen, aber leider hatte nicht wirklich Hunger. Ich musste und muss noch immer sehr aufpassen was ich esse. Sobald es zu sauer ist, sprich sämtliches Obst, macht sich das sofort bemerkbar. Großartig kauen ist leider auch nicht… da bleibt nur so etwas wie Milchreis und Grießbrei. Das kann man dann natürlich auch irgendwann nicht mehr sehen.

Das Spiel sieht dann wie folgt aus. Das Essen kommt und wird erst einmal betrachtet. Das kann ewig dauern. Ich habe einfach keine Lust etwas zu Essen. Es schmeckt nach fast nichts.
Vieles geht nach ein paar Bissen zurück und ich bestelle eine Flasche Flüssignahrung. Schmeckt extrem nach irgendwas und hat die Konsistenz eines Shakes. Im Hinterkopf habe ich natürlich immer die Warnung – „Sie müssen auch etwas essen, danken sie daran das Ihre Verdauung etwas zu tun braucht.“
Das geht jetzt schon seit der Transplantation so. Eines Tages wird es besser. Bis dahin heißt es, den Schweinehund überwinden und essen.

Eines Tages war es dann soweit, der Morphin Tropf wurde abgehängt. Zum einen hat sich der Mund wieder ein gekriegt und die Schwellungen sind etwas zurückgegangen. Zum anderen ist eine weitere Nebenwirkung, dass der Darm einschläft und nichts mehr tut. Nun musste der also erst einmal wieder aufgeweckt werden und in Gang gebracht werden. Oh mei! Irgendwas is ja immer.

Vieles von dem wäre nicht halb so erträglich gewesen ohne den Zuspruch von Euch. Immer wieder lese ich die Kommentare und ich schöpfe neue Kraft.
Es hilft sehr mit Anderen zusprechen. Von Dingen zu erfahren die „da Draußen“ geschehen, Dinge des alltäglichen Lebens, daß zeigt mir immer wieder, dass das leben weiter geht. Es gibt so viele Dinge auf die man sich freuen kann. Das macht vieles besser.
Auch meine Schwester Vanessa und der Rest der Familie geben ihr bestes mir zu zeigen, das es noch etwas anderes gibt als dieses Zimmer, dass ich nicht verlassen kann.
Ich werde schon wieder sentimental, sorry. Ich liebe euch!

Lichtblicke gibt es auch aus Sicht der Mediziner.
Sie kommen zum Glück auch ab zu mit schönen Nachrichten.
„Herr Elsing, sie machen das sehr gut! Mir san sehr zufrieden. Weiter so!“

„Wissen Sie, wir konnten nachweisen, dass die ersten 100 Leukozyten produziert wurden. Das Anwachsen hat begonnen.“

„Die Produktion der Leukozyten ist schon sehr schnell geworden bei Ihnen. Wir bremsen sie jetzt ein letztes mal kurz aus und dann geht es in vollem Tempo weiter.“ – „Ist das gut?“ – „Das ist sehr gut Herr Elsing.“

Und mein letztes Update:
Laut Labor haben sie jetzt knapp 500 Leukozyten!“

Was soll ich sagen. Es läuft!

So long… Patrick